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Ärztemangel? Das Problem ist das Hamsterrad! 

In Deutschland gibt es heute so viele berufstätige Ärztinnen und Ärzte wie niemals zuvor. International sind wir damit in der Spitzengruppe.


Auch der Anteil junger Ärzte und die Zahl der Studienplätze sind gestiegen. Heute stehen 73.000 Ärztinnen und Ärzten unter 35 Jahren jenen 71.000 über 60 Jahren gegenüber. Über 10.500 ausgebildete Ärzte werden jedes Jahr die Unis verlassen. Das gilt allerdings nicht nur für die Köpfe: In den Krankenhäusern steigen die Zahlen der Vollzeitäquivalente und das bei fallenden Bettenzahlen.


Woher kommen also die Arbeitsverdichtung und die Diskussion um den Ärztemangel?

Hauptursache im stationären Sektor sind zu hohe Fallzahlen und zu viele Leistungen in viel zu vielen deutschen Kliniken. Die seit Jahren ungenügende Finanzierung seitens der Länder, die auch Unikliniken trifft, wurde durch Mengenausweitungen und Personaleinsparungen insbesondere bei Pflegekräften und anderen nichtärztlichen Kräften kompensiert. Das geschah in den Kliniken freilich nicht aus böser Absicht, sondern um Standorte am Leben zu halten, die es für die medizinische Versorgung vielfach nicht braucht. Ausgelaugte und an ihre Kapazitätsgrenze kommende ärztliche und nichtärztliche Kräfte sind demnach in „hochtourig laufenden Hamsterrädern“ gefangen.


Solche Hamsterräder drehen sich auch im ambulanten Bereich. Hier „verstopfen“ zum Teil medizinisch unnötige Patientenkontakte Haus- wie Facharztpraxen. Konsekutiv sind die Notaufnahmen der Kliniken dann auch betroffen. Gründe sind ein gestiegenes Anspruchsdenken, mangelnde Gesundheitskompetenz und Unkenntnis über die vorhandenen Versorgungspfade seitens der Patienten. Dazu kommt neben einer unsäglichen Planwirtschaft in Form stetig wachsender Regulierung durch das SGB V ein Vergütungssystem, das mit immer mehr bürokratischem Aufwand ökonomische Fehlanreize dazu setzt, in kürzerer Zeit immer mehr Patienten zu behandeln. Es bleibt keine Zeit für die Patienten, keine Zeit für die sprechende bzw. zuwendende Medizin.


Eklatant ist die regionale Fehlverteilung von Ärzten im ambulanten Sektor, die es aber bereits seit Jahrzehnten gibt. Die meisten niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sind dort tätig, wo sie weniger gebraucht werden: in kaufkräftigen, aber überversorgten Quartieren der Ballungszentren. Dagegen kämpfen infrastrukturarme Räume sowie sozial benachteiligte Stadtteile mit zunehmender Unterversorgung. Ein bloßes Mehr an Ärztinnen und Ärzten wird diese (Fehl-)Verteilung nicht beseitigen. 


Deshalb sollten endlich strukturelle Reformen eingeleitet werden, die auf Versorgungsqualität setzen und damit die Patienten in den Mittelpunkt stellen. Wir in Deutschland sollten nicht die meisten Ärzte haben, sondern die besten in ausreichender Anzahl. 


Wenn wir mehr Qualität und mehr Zeit in der Patientenversorgung wollen, dann brauchen wir Konzentrationsprozesse im Krankenhaussektor bei gleichzeitiger Stärkung des Rettungsdienstes, Entbürokratisierung, regionale ambulante und stationäre Kooperationen und nicht zuletzt ein Vergütungssystem, das dazu passt. Statt Bedarfsplanung, Budgetierung und anderer planwirtschaftlicher Mittel, brauchen wir ein bürokratiearmes Vergütungssystem, das qualitativ gute Versorgung belohnt, aber auch schlechte bestraft. Daneben könnten Selektivverträge helfen, in unterversorgten Regionen Niederlassungsanreize zu setzen und die Qualität weiter zu verbessern. So können wir Zeit für die Patienten und der Qualität der Versorgung einen Marktwert geben.


Auch müssen wir die Grenze zwischen den Sektoren endlich einreißen! Dazu braucht es innovative Therapieansätze für unser Gesundheitssystem: Indem etwa der Erlaubnisvorbehalt im ambulanten Sektor dem Verbotsvorbehalt aus der Klinikwelt weicht, die duale Krankenhausfinanzierung durch die monistische Finanzierung ersetzt wird und es ambulant und stationär das gleiche Geld für die gleiche Leistung bei gleicher Qualität gibt.

Richtig ist, dass vor allem die jüngere Ärztegeneration höhere Ansprüche an die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, von Arbeit und Familie stellt. Richtig ist aber auch, dass diese Generation offen für Innovationen, für Technologie und Digitalisierung ist. Innovationen, die dabei helfen, Bürokratie zu reduzieren, Prozesse zu vereinfachen und die Versorgungsqualität weiter zu verbessern. Hier steckt das Potential, unterschiedliche Bedürfnisse zusammenzubringen und auch Kooperationen zu fördern.


Die politische Herkulesaufgabe ist es, die Hamsterräder zu zerstören und der besten Versorgung den Weg zu ebnen. Statt Symptome aufzuzählen und nur diese symptomatisch zu behandeln, müssen wir an die Ursachen und diese beseitigen. Wir müssen dabei neu denken! Und hierzu möchte ich die Diskussion anstoßen.